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Wahrnehmung
Physiologisch betrachtet bezeichnet Wahrnehmung den Vorgang der Aufnahme und Verarbeitung physikalischer Reize, also die bewusste und unbewusste Sammlung von Informationen eines Lebewesens mittels seiner Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten).
In der Psychologie gilt Wahrnehmung als Aufnahme, Selektion, Verarbeitung und Interpretation sensorischer Informationen durch das Individuum. Allerdings ausschließlich jener Informationen, die der Anpassung des Individuums an die Umwelt dienen, ihm eine Rückmeldung über die Auswirkungen seines Verhaltens geben und damit seine Orientierung sichern. Uns Menschen ermöglicht Wahrnehmung z. B. die Konstruktion mentaler Modelle dieser Welt.
Das besondere daran ist, dass unser Unterbewusstsein bei der Steuerung unserer Wahrnehmung am liebsten nur solche Informationen durchlässt, die unser Bild, unser Modell, unser Konstrukt dieser Welt, also unsere inneren Einstellungen und Betrachtungsweisen bestätigen. Informationen, die dies in Frage stellen oder gar negieren, werden gefiltert und erreichen das Bewusstsein erst garnicht. Unsere Wahrnehmung ist aus psychologischer Sicht also daran interessiert, sich selbst zu bestätigen. Dies vermittelt uns auf der einen Seite Sicherheit, ist auf der anderen Seite jedoch einer der Gründe, warum wir uns mit Veränderungen so schwer tun.
Was unsere Wahrnehmung lenkt, ist also vereinfacht ausgedrückt das Bestreben unseres Unterbewusstseins, Recht zu behalten.
In Anbetracht dessen, dass die von uns aufgenommenen Informationen bereits von unseren Sinnesorganen und unserem Gehirn massiv gefiltert (selektiert) und verändert (interpretiert) werden, kann unser Bild der Welt immer nur ein Ausschnitt, ein verkleinertes Abbild, ein Teil der Wirklichkeit, ein Repräsentationsmodell sein.
Unsere Wahrnehmung ist damit die Grundlage jeglicher Orientierung in der Welt und ermöglicht uns erst die Interaktion mit unserer Umgebung. Die Qualität dieser Interaktion wird durch physikalische, physiologische und psychologische Faktoren erheblich beeinflusst. Darüber hinaus ist die Verarbeitung der Wahrnehmung von Ausbildung, Beruf, Strukturierung der Wahrnehmung, Sozialisation, sozialem Umfeld, psychischer und physischer Verfassung, Erwartungen, Erfahrungen, kulturellen Aspekten, Zielsetzung und Wahrnehmungssituation abhängig.
Betrachten wir das Prinzip der physiologischen Wahrnehmung (Wahrnehmungskette) einmal anhand eines Beispiels aus der visuellen Wahrnehmung näher. Wir werden im Laufe dieser Betrachtungen feststellen, dass das Sehen, ebenso wie unsere anderen Wahrnehmungsmöglichkeiten, eine kaum vorstellbare Höchstleistung darstellt.
- Der Reiz
Die Objekte in unserer Welt senden Signale aus. Sie reflektieren z. B. Licht oder erzeugen Schall. Diese Signale sind physikalisch messbar. Um z. B. etwas sehen zu können, bedarf es eines Objekts, einer Reizquelle, welches einen Teil des im sichtbaren Spektrum vorhandenen Lichts reflektiert und damit erst für uns sichtbar wird.
- Die Übermittlung
Bei Schallwellen werden die Signale über die Luft durch das Ohr zum Cortischen Organ übertragen, bei optischen Reizen treffen Lichtwellen auf die Photorezeptoren des Auges, wo sie, wie die Schallwellen im Ohr, in elektrochemische Informationen umgewandelt werden.
- Die Verarbeitung
Das Sinnesorgan führt bereits eine Vorverarbeitung der Signale durch, bevor sie das Gehirn erreichen, um dort weiter verarbeitet zu werden.
Um uns die Komplexität dieses Vorganges zu verdeutlichen, hier ein paar Einflussfaktoren auf dem Weg der Signale vom Objekt zur eigentlichen Wahrnehmung:
Bereits bei der Projektion kommt es zu Informationsverlusten: Eine dreidimensionale Umgebung muss auf der zweidimensionalen Netzhaut abgebildet werden. Bei der Verkleinerung des gesamten Gesichtsfeldes auf eine Fläche von etwa 2,5 mal 2,5 cm gehen weitere Informationen verloren. Die Reize von 126 Millionen Rezeptorzellen werden auf auf 1 Million Ganglienzellen übertragen.
Das Bild auf der Retina (Netzhaut) ist seitenvertauscht und steht auf dem Kopf. Dies muss durch entsprechende Prozesse ausgeglichen werden.
Der blinde Fleck (Austrittspunkt des Sehnervs zum Gehirn) verursacht ein Loch in unserem physikalischen Gesichtsfeld, welches ebenfalls durch entsprechende Prozesse ausgeglichen werden muss.
Unwichtige Informationen müssen herausgefiltert werden: Von etwa 1 Milliarde Informationseinheiten, die unsere Sinnesorgane in jeder Sekunde aufnehmen, werden lediglich 50 wahrgenommen. Davon erreichen etwa 4 – 10 das Kurzzeitgedächtnis und lediglich 1 – 2 das Langzeitgedächtnis.
- Die Wahrnehmung
Nun erfolgt das Bewusstwerden des Signals: Elektromagnetische Strahlung wird zu Licht, Schall zu Geräuschen usw...
- Das Wiedererkennen
Das Wahrgenommene wird erkannt, mit anderen Reizen kombiniert, mit Erfahrungen assoziiert oder beurteilt und bildet so die Grundlage für die Reaktion auf den wahrgenommenen Reiz.
Die visuelle Wahrnehmung wird also nicht nur durch das auf der Retina abgebildete optische Reizmuster bestimmt, vielmehr ist sie das Ergebnis der Auswertung und Interpretation der zur Verfügung stehenden Daten.
- Die Handlung
Diese ist das Ergebnis unserer Wahrnehmung und damit unsere Reaktion auf die Umwelt. Wir klicken z. B. auf eine Schaltfläche einer Internetseite und sehen uns den nächsten Inhalt an. Oder wir ordnen das Gesicht vor uns einer uns bekannten Person zu und begrüßen diese freundlich.
Problematisch kann es werden, wenn die Wahrnehmung gestört ist, d. h., wenn zwischen Reiz und der durch ihn ausgelösten Wahrnehmung kein nachvollziehbarer Zusammenhang besteht. Dies kann durch Störungen in der Wahrnehmungskette verursacht werden, wenn z. B. die physikalische Signalübertragung oder die Wahrnehmungsorgane nicht einwandfrei funktionieren oder die Interpretation fehlerhaft erfolgt.
Unser Gehirn versucht, eine Beziehung zwischen Reizen herzustellen, um deren Bedeutung zu verstehen. Wir nehmen nie eine Summe oder Folge von einzelnen Sehreizen wahr, sondern das Bild als Gesamtheit. Dieses Bestreben unseres Gehirns in dem Wahrgenommenen die einfachste mögliche Bedeutung zu erkennen wird in der sogenannten Gestaltpsychologie erklärt.
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